Die stillen Straßen oder eine unterschätzte Macht

Seit dem 29. Juni halten einige Senioren/-innen ihre „Begegnungsstätte“ in Berlin-Pankow besetzt.
Quelle: http://www.sozialismus.info/?sid=4966

In der Stille Straße 10 steht die inzwischen berühmt gewordene Villa Kunterbunt. Ein Bau mit Geschichte. Für einen Pianofabrikanten 1927 gebaut, übernahm die DDR-Regierung das Haus. Das Gebiet um den Majakovskiring, von dem die Stille Straße abgeht, war ein eingefriedeter Bezirk, in dem einiges an Polit- und Kulturprominenz der DDR lebte. Nach der Wende wurde in der Stadtvilla ein Senioren/-innen Treff eingerichtet. Er hat sich im Lauf der Jahre zu einem wichtigen sozialen Zentrum des Bezirk entwickelt.

Für über 300 Menschen ist die Villa Kunterbunt zu einem unverzichtbaren Teil ihres Lebens geworden. Man trifft sich dort um zu lernen, Sport zu treiben, zum Schachspielen etc. Soweit so gut. Nur leider findet sich das rege Völkchen aus der Stille(n) Straße vom Bezirksamt bedroht. Die Kommunen sind klamm, es wird gespart auf Teufel komm raus. Die Pankower Kulturszene sah sich unlängst von einem Kahlschlag bedroht, der sich gewaschen hatte. Die Schließung von verschiedenen Einrichtungen hatte die BVV-Mehrheit von SPD und Grünen auf ihrer Agenda mit freundlicher Unterstützung eines ziemlich gefährlichen PIRATEN. Der Proteststurm, der sich gegen diese asozialen Planungsspielchen erhob, war dann doch eine Nummer zu stark. Der Bezirksverband Pankow „Die Linke“ veröffentlichte auf seiner Internetseite dazu Folgendes:

„Nachdem SPD und Grüne wochenlang behauptet haben, dass man eine ganze Reihe von Kultureinrichtungen schließen müsste, weil kein Geld da wäre, wird jetzt aus einem wundersamen Füllhorn der Geldsegen über kommunaler Kultur ausgeschüttet. Es werden nicht nur viele der angekündigten Kürzungen zurückgenommen, sondern es soll sogar mehr Geld bereitgestellt werden, als in den Vorjahren verfügbar war. Und das alles geschieht ohne einen einzigen Cent mehr an Zuweisung durch das Land Berlin.“

Der Geldsegen sollte unter anderem mit Immobilienverkäufen finanziert werden und die Liegenschaft in der Stille Straße ist einiges wert. Denn von den Senioren/-innen erwartete wohl niemand einen ähnlich massiven Protest wie den der Kulturszene Pankows. Die Damen und Herren der Villa Kunterbunt hatten die Faxen dicke, kurzerhand und gut geplant besetzen sie ihr Zentrum und es gibt Unterstützungsaktionen aller Art. Die Nachbarn der Besetzer/-innen üben praktische Solidarität. Falls das Bezirksamt Wasser und Strom sperren lässt (Telefon ist schon abgeschaltet) wird Energie und Wasser von den Nachbarn kommen. Der Finanzausschuss tagt nun am 9. August und muss irgendwie reagieren. Die Besetzer haben in bewährter Tradition der Selbstermächtigung Fakten geschaffen, an denen die „Politik“ nicht mehr vorbeikommt.

Über ihre Erfahrung während der Besetzung äußert sich Frau Pollak in einem Interview mit der Solidarität.

Solidarität: Wann haben sie zum ersten Mal an eine Besetzung gedacht?

Pollak: Seit März wussten wir von der geplanten Schließung. Wir waren bei jeder BVV- Sitzung dabei und haben protestiert. Wir hatten uns gesagt, wenn wir nichts erreichen, dann werden wir das Haus besetzen, aber das war so hinten drin. Man hat uns nur belächelt, die haben uns nicht für voll genommen. So nach dem Motto, was können die schon machen, diese Rentner. Da dachten wir, so was lassen wir uns nicht gefallen und da wir wussten, dass am dreißigsten das Haus geschlossen werden sollte sind wir am 29sten eingezogen. Das war unser großes Glück, denn, wie wir später erfahren haben, sollten am gleichen Tag die Schlösser ausgetauscht werden.

Solidarität: Hat es Überwindung gekostet etwas zu tun, was humorlose Behördenvertreter als illegal auslegen könnten?

Pollak: Es hat eigentlich keine Überwindung gekostet, gut, es ist illegal, aber so kann es nicht weiter gehen, wir lassen uns nichts mehr gefallen. Wir sind über 300 Leute, die hier ein- und ausgehen. Bei uns gibt’s 29 Gruppen. Wir haben Sportgruppen, eine Singgruppe, hier wird Schach gespielt. Jeden Dienstag gibt es eine Veranstaltung. Mal eine Lesung oder einen Vortrag. Wir feiern hier Weihnachten, wir tanzen, im Mai hatten wir ein ganz tolles Frühlingsfest. Der älteste von uns ist 96 Jahre alt. Hier kümmert sich jeder um jeden, hier ist unser zweites Zuhause.

Solidarität : Wie ist ihr Verhältnis zu Nachbarschaft?

Pollak: Einfach wunderbar, das hätten wir nie gedacht. Die schicken ihre Kinder rüber und lassen fragen, ob sie was für uns einkaufen können. Wir bekommen ganz viel Zuspruch. Die sagen „das ist toll, was ihr hier macht, ihr sollt hierbleiben“. Die Leute besuchen uns auf“n Kaffee. Wir haben hier nur nette Nachbarn.

Solidarität: Welche Unterstützung bekommen sie?

Pollak: Ganz viel! Ohne den „Pankower Ratschlag“ hätten wir das alles nicht so verkraften können. Wir hatten natürlich keine Erfahrung mit der Presse. Allmählich lernen wir mit den Medien umzugehen, außerdem haben die jungen Leute vor der Besetzung mit uns demonstriert. Wir haben seitdem gute Kontakte zu den jungen Leuten aus Treptow, Neukölln und Kreuzberg.

Solidarität: Welche Resonanz haben sie aus der Politik erfahren?

Pollak: Die Pankower Grünen haben gegen uns gestimmt, auch einer von den PIRATEN. Der Ströbele aus Kreuzberg hat uns besucht und war ganz entsetzt über die Grünen hier. Der Mann hat in Kreuzberg schon einiges geschafft für Senioren. Die Linke ist diejenige, die uns hilft; ansonsten, wer hat sich den schon von der SPD hier blicken lassen außer der Kasztantowicz**. Einmal war sie hier nach einer bis anderthalb Wochen und dann kam das blabla, das wir schon hundertmal gehört haben. Kein Geld, kein Geld, kein Geld. Dann erklärte sie uns, dass das hier illegal ist und wollte den Schlüssel haben, den sie natürlich nicht bekommen hat. Danach haben wir nichts mehr von ihr persönlich gehört, obwohl wir aus den Medien ständig erfahren, dass sie den Dialog nicht abreißen lassen möchte. Sie hat aber in Wirklichkeit den Dialog noch nicht einmal begonnen. Das „S“ können die*** aus ihren Namen streichen, sozial sind die nicht die Bohne. Ansonsten waren die Piraten hier, na ja. Und wie gesagt, Gysi macht wirklich viel für uns.

Solidarität: Möchte die Bezirksverwaltung die Besetzung aussitzen?

Pollak: Im Grunde ja, das Gefühl haben wir. Aber wir haben einen langen Atem, irgendwann müssen die sich bewegen. Am 09. August ist die Sitzung des Finanzausschusses, unsere Angelegenheit wird auch im Abgeordnetenhaus behandelt.

Solidarität: Lohnt es sich Widerstand zu leisten ?

Pollak: Da kann ich nur knallhart sagen, ja! Am Anfang haben wir uns gesagt auch wenn wir nichts erreichen, möchten wir uns mit guten Gewissen morgens im Spiegel ansehen können. Aber jetzt, wo wir so viel Unterstützung bekommen haben und diese Unterstützung kein bisschen nachgelassen hat, wollen wir alles.

Nachsatz: Abschließend bleibt zu bemerken, dass ich bei den Besetzern/-innen eine Entschlossenheit gespürt habe, die nur Menschen haben, die mit Leidenschaft für eine Sache kämpfen. Diese Entschlossenheit wächst überall. Die „Krise“, die in Wahrheit keine Ausnahmeerscheinung ist sondern ein natürlicher Bestandteil des Kapitalismus, bringt immer mehr Menschen dazu, ihre Zukunft, ihr Glück in die eigenen Hände zu nehmen. Dort ist sie (die Zukunft) auch am besten aufgehoben. In den Stillen Straßen der Welt erwacht eine lang unterschätzte Macht.

*Der Pankower Ratschlag ist ein Aktionsbündnis gegen die Kahlschlagpolitik der Bezirksregierung. Von „Aktionbündnis Berliner Künstler“ bis zur „Wohnungsbaugenossenschaft Bremer Höhe eG“.

**Gemeint ist die Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD)

*** Gemeint ist die Sozialdemokratische Partei Deutschlands

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